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13.5.26

«Ich kann das nicht mehr länger einfach so hinnehmen»

Heartwings: Was war der Moment, der alles veränderte?

Magdalena Fässler: Es war nach Mitternacht. Ich fuhr mit meinem Velo durch St. Gallen von der Arbeit nach Hause. Bei einer Befragung an diesem Tag hatte mir eine Frau ihre Lebensgeschichte erzählt, wie sie in die Prostitution gezwungen wurde, wie sie in die Schweiz kam. Es war erschütternd.

Was geschah dann?

Magdalena Fässler: Ich sah im Vorbeifahren, wie vor einem mir bekannten Wohnungsbordell ein ungarischer Kastenwagen stand und Frauen in das Gebäude geführt wurden. Da dachte ich: Es hört nicht auf. Es wird nie aufhören.  

Was wird nie aufhören?

Magdalena Fässler: Weisst du, ich habe Frauen mit Verletzungen gesehen, mit Verbrennungen, Verbrühungen, mit Würgemalen. Einer Frau hat der Zuhälter die Zähne ausgeschlagen, damit sie besseren Oralsex anbieten kann. Einmal nach einer Kontrolle in einem Bordell, in dem Rumäninnen angeschafft haben, fragte mich eine der Frauen ganz schüchtern mithilfe des Google-Übersetzers, ob sie Sex ohne Gummi ablehnen dürfe.  

Welchen Schluss ziehst du aus alledem?

Magdalena Fässler: Dass unser System diese Frauen nicht schützt, im Gegenteil. Unser System schützt ihre Ausbeutung. Das geht nicht. Ich kann das nicht mehr hinnehmen.

Wer steckt hinter den Frauen?

Magdalena Fässler: Meist sind es Ehemänner, Loverboys, Mitglieder des Familienclans. Viele Zuhälter halten sich nicht in der Schweiz auf. Sie sind in ihren Heimatländern – in Ungarn, Rumänien und Bulgarien.  

Unsere Gesetze basieren auf der Annahme, dass die Mehrheit der Frauen sich selbstbestimmt prostituieren.

Magdalena Fässler: Genau, und das muss sich ändern. Was Frauen in die Prostitution treibt, ist das pure Elend. Der Anteil selbstbestimmter Frauen ist minimal. Wir dürfen unsere Gesetze nicht an dieser winzigen Minderheit ausrichten.  

Warum braucht die Schweiz das Nordische Modell?

Magdalena Fässler: Weil sich Staat und Gesellschaft dann auf die Seite der Frauen in der Prostitution stellen. Weil das Nordische Modell Frauen dabei unterstützt, aus dem Milieu auszusteigen und weil es die Freier in die Verantwortung nimmt. Aber mich treibt auch etwas anderes an.  

Erzähl!

Magdalena Fässler: Prostitution betrifft alle Frauen. Es ist doch klar, dass es echte Gleichstellung verhindert, wenn ein Geschlecht das andere für Sex kaufen kann.  

ZUR PERSON

Die gelernte Pflegefachfrau hat mit 40 Jahren die Polizeischule absolviert und war danach zehn Jahre bei der Kantonspolizei St.Gallen tätig. Sie war Opferbefragerin und hat Kontrollen im Milieu durchgeführt. 2024 gründete sie den Verein Norm182, der nun bereits über 100 Mitglieder hat. Norm182 setzt sich für die Einführung des Nordischen Modells in der Schweiz ein. Mehr Infos: norm182.ch

KURZ ERKLÄRT

Das Nordische Modell (auch Schwedenmodell oder Gleichstellungsmodell genannt) ist ein rechtlicher Ansatz, der dem komplexen Thema Prostitution begegnet und zur Gleichstellung der Geschlechter beiträgt. Es wurde 1999 erstmals in Schweden eingeführt und mittlerweile auch von Ländern wie Norwegen, Irland, Israel und Frankreich übernommen. Das Modell basiert auf vier Säulen.

  1. Entkriminalisierung der prostituierten Menschen
  1. Ausstieg, Schutz und Rehabilitation der von Prostitution betroffenen Menschen
  1. Kriminalisierung aller Profiteure  
  1. Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit, Prävention und Zusammenarbeit

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